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JuLis bei der Europäischen KommissionFranz SchellhornStefan F. Windberger
Vom Systemtrottel zum Wutbürger zum Politiker - der ewige Kreislauf der Demokratie

Spät aber doch hat es der "Wutbürger" in diesem Jahr noch nach Österreich geschafft - irgendwo musste er ja auch hin, nachdem Stuttgart befriedet worden war. Nach einer zumindest künstlerisch gehaltvollen Darbietung Roland Düringers in der letzten Folge des "Donnerstalks" stand er auf einmal mitten im Wohnzimmer der meisten Töchtersöhne unseres Landes. Ganz gleich ob diese Rede nun Herrn Düringers persönliche Meinung oder das Ganze nur eine gelungene Allegorie war - um die 80% der Zuseher an diesem Abend und der vielgeposteten Youtube-Videos dürften den "Likes" und "Kommentaren" zufolge, ihm wohl im Großen und Ganzen zustimmen. (1)

Der Wutbürger findet und fand sich in vielen unterschiedlichen Bewegungen der letzten Jahre wieder: #unibrennt war wohl eine der ersten simultanen online-offline Wutbürgerversammlungen (man kann es ruhig sagen, die Wiener Studentenschaft hat hier eine Vorreiterrolle eingenommen, ganz gleich wie man zu den inhaltlichen Forderungen und dem WIE des Protests stehen mochte), es folgten Stuttgart21, #occupy (99%) mit Camps in Städten auf der ganzen Welt, die spanischen und chilenischen Studierendenproteste, der Arabische Frühling und neuerdings trauen sich sogar die Russen wieder auf die Straße um gegen ihre ganz eigene Form der "lupenreinen Demokratie" (cheers Onkel Gerd!) zu demonstrieren. Ich wage zu behaupten, wir befinden uns mitten in einer neuen 68er-Bewegung - der arabische Frühling wurde ja bereits oft genug mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verglichen, ob zurecht oder nicht, wird sich wohl noch erst herausstellen müssen. Nach einer gewissen zivilgesellschaftlichen Lethargie der 1990er und 00er - Jahre auch in der westlichen Welt (es ging uns ja allen ganz gut), gehen die Leute wieder auf die Straße, oftmals WEIL sie sich durch ihre politischen "Eliten" nicht mehr vertreten fühlen. 2011 kann wohl zurecht als das Jahr beschrieben werden, in dem es die Menschen weltweit vom Systemtrottel zum Wutbürger geschafft haben. Das kann meiner Meinung nach aber nicht die Ende der Fahnenstange sein - und historisch betrachtet ist sie das auch nicht.

Viele Galionsfiguren der 68er-Bewegung fanden sich 30 Jahre später in Regierungen wieder. Joschka Fischer war einer der Paradewutbürger seiner Generation und ist heute genau Teil jenes Establishments, das er früher für den ganzen Schlamassel verantwortlich gemacht hat - manch einer würde auch sagen: "Der hat's geschafft!" Viele andere verurteilen ihn genau dafür.

Zumindest der Großteil der Länder, in denen die #occupy-Bewegung Wurzeln gefasst hat, wird von repräsentativen Demokratien gestellt: die Tatsache, dass 1% der Bevölkerung die restlichen 99% vertritt, ist da systemimmanent! Allerdings stehen in diesen Ländern (im Gegensatz zur arabischen Welt und Russland) die Instrumente zur Beeinflussung des Systems jedem frei zur Verfügung! Auch Stéphane Hessel, der 86-jährige französische Diplomat der mit seinem Essay "Empört Euch" ein unerwartet großes Echo quer durch die Gesellschaft hervorgerufen hat, war dies wohl bewusst und brachte wenig später den Interviewband "Engagiert Euch" heraus - ich sehe darin eine ziemlich klare Anleitung im letzten Evolutionsschritt vom Wutbürger zum, überspitzt gesagt, Politiker. Man kann auch Funktionär oder Referent in einer NGO werden, oder Diplomat, whatever! Es braucht diesen letzten Schritt aber um das System nach seinen eigenen Wünschen zu ändern - womit man irgendwann wieder zum Systemtrottel wird...

Der ewige Kreislauf der Demokratie braucht viel Empörung und viel Engagement seiner Bürger! Auf geht's!

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1. Inwieweit der Urheberschutz hier in Mitleidenschaft gezogen wurde, lässt sich nicht einwandfrei bestätigen, das Institut für Wertewirtschaft beansprucht jedenfalls große Teile der inhaltlichen Ausführungen von Roland Düringers Rede für sich und stellt das Buch zur Rede vor: "Vom Systemtrottel zum Wutbürger": http://wertewirtschaft.tumblr.com/post/13964332183/roland-dueringer-hael...
Ich für meinen Teil habe jedenfalls den ersten Teil des Blogtitels ebenfalls daran angelehnt.

2. Als eine der wenigen dauerhaften Ergebnisse der #unibrennt-Bewegung möchte ich hier auch gerne auf die Zeitschrift "über.morgen" hinweisen: http://uebermorgen.at

Kommentare

Ist es wirklich wert, sich in die Reihe der schwachsinnigen und erfolglosen Protestbewegungen (von #unibrennt über Stuttgart21 bis #occupy) einzureihen? Damit wird dem "Wutbürgertum" schon vorausschauend das Prädikat "gescheitert" aufgedrückt...

Falls das so rübergekommen ist, tut's mir leid: ich sehe die JuLis eben nicht als Wutbürgerveranstaltung, sondern als Versammlung von Leuten die sich nicht nur aufregen, sondern auch (organisiert) engagieren.
Und ja: Wenn es eine Bewegung nicht über das "Wutbürgertum" hinaus schafft, ist sie ja irgendwie gescheitert (siehe auch die jugendlichen Revolutionäre Ägyptens - sie waren zwar maßgeblich an der Revolution beteiligt, haben es danach aber nicht geschafft, sich ausreichend zu organisieren und Wählerstimmen auf sich zu vereinen).

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